BAP
Biografie
BAP entwickelten sich 1976 aus einem Probenclan Kölner Gelegenheitsmusiker um den Kunststudenten Wolfgang "Fuzz" Niedecken, am 30. März 1951 in Köln geboren. Beeinflusst von Bob Dylan, den Rolling Stones und anderen Rockgrößen der sechziger Jahre, trugen sie "Elendslieder der Wohlfahrtsgesellschaft" (Wolf Biermann) vor, die vom Leben, Lieben und Leiden der kleinen Leute "zwischen Kneipe, Glotze und Arbeitsamt" berichteten und deren "armselige Träume vom schöneren Leben in einer hässlichen Welt" kolportierten. Dabei bediente sich der Songschreiber und Frontmann Niedecken eines industriellen Slangs aus Altkölsch und Neudeutsch ("Tankstellen-Kölsch"), dessen bodenständiges Vokabular, "biegsamer, weicher und schmiegsamer als Hochdeutsch" ("FAZ"), "ideal für Rock" ("Stern") zu sein schien.
Durch katholische Erziehung und einen Dauerkonflikt mit seinem 1980 verstorbenen konservativen Vater ("an ihm reibe ich mich noch immer") geprägt und zermürbt, brachte Niedecken in Liedern wie Verdamp lang her (1981), Kristallnaach (1985) Angst und Ärger seiner Kiez-Mitmenschen in eine literarisch reizvolle und politisch engagierte Form. Der Bap (Vater) des Mundart-Trupps "rettete mit phantasievollen Bildern seine Stücke vor der platten Vordergründigkeit abgestandenen Politrocks" ("Der Spie-gel").
Seine Mitstreiter Manfred "Schmal" Boecker (perc), Klaus "Major" Heuser (g), Stefan "Steve" Borg (cello, bg), Wolfgang "Wolli" Boecker (dr, abgelöst 1983 bis 1987 von Jan Dix, dann Pete King, danach Jürgen "Jürgens" Zöller), Alexander "Effendi" Büchel (kb seit 1981), Hans "Fonz" Wollrath (Mischpult) konnten allerdings mit der "breitarschigen Gemütlichkeit" (Biermann) ihrer biederen Rockbegleitung den Texten qualitativ nicht gleichkommen.
Die gefällige Verpackung der sperrigen Texte kam bei Jugendlichen der Mittelschicht, auch in rheinfernen Gegenden, jedoch sensationell an. Platinumsätze und Spitzenplätze waren für BAP-LPs die Regel, ausverkaufte Konzerte lockten auch die Intelligenzija an. So befreundete sich Heinrich Böll kurz vor seinem Tode mit Sänger Niedecken; Willy Brandt rezensierte 1986 im "Stern" das siebte Album Ahl Männer, aalglatt ("Alte aalglatte Männer") und fühlte sich von der Politikerschelte des Ensembles angenehm berührt: "Aufklärung braucht Künstler, die durchdringen. Wie diese BAP aus Köln."
Ein Jahr später schien Niedecken des "Sieben-Zwerge-Mythos" seiner Gruppe überdrüssig ("Alle essen aus einem Näpfchen, alle schlafen in einem Bettchen"). Er entschied: "Ich kann nur über das schreiben, was in meinem Kopf vorgeht", und nahm eine LP mit Solostücken auf, "bei denen sich die Band nicht repräsentiert sah". Trotz der Alleingänge ihres Frontmannes, die in der von Wolf Maahn produzierten LP Schlagzeiten (1987) gipfelten, fand sich die volkstümliche Rockband aus der Kölner Südstadt im Oktober 1987 zu einer Chinatournee zusammen. Sprachprobleme hielt der kritische BAP-Freund Wolf Biermann dabei für unerheblich: "Im Weltuntergang macht es keinen Unterschied, ob einer seine letzten Worte in Hochdeutsch murmelt oder im Kauderwelsch der Sprachnische."
Niedecken focht es nicht an, dass innerhalb der Band die Kommunikationsprobleme immer wieder aufbrachen und für Plattenaufnahmen hintangestellt wurden. Zunächst hatte die Chinatournee zu neuer Eintracht geführt und die Aufnahmen zu Da Capo (1988) beflügelt. Die Single Fortsetzung folgt wurde ein Top Ten-Hit, die folgenden Tourneen und der Jubiläumsauftritt zum zehnjährigen Bestehen der Band 1989 bestätigten deren Beliebtheit beim deutschen Publikum. Danach nahmen die Musiker wieder Abstand voneinander. Mit Sinn für kommerzielles Timing wurden 1990 etwa gleichzeitig die BAP-LP X für’e U und Niedeckens verfrühte Memoiren "Auskunft" veröffentlicht. Über die LP, zu der erstmals auch Niedecken, Borg und Büchel Kompositionen beigesteuert hatten, wusste "Musikexpress" nur Gutes zu berichten: "Das Album klingt kraftvoll, ohne angestrengt zu wirken, gekonnt, aber nie gekünstelt … BAP kommt jetzt ohne falsche Ansprüche aus."
Auftritte der obligaten Tour, die die Band teils in kleine Clubs, teils in große Hallen führte, wurden 1991 mit Affrocke veröffentlicht. Das ständige Auf und Ab in der Zusammenarbeit zwischen Niedecken und dem schweigsamen Heuser hatte den positiven Nebeneffekt, dass jede ihrer Regungen von den Fans mit Freude begrüßt wurde – es könnte ja das letzte Lebenszeichen von BAP sein. So erhielten Auftritte wie zu der Aktion "Arsch huh, Zäng ussenander", mit der BAP und andere Deutschrocker gegen die grassierende Ausländerfeindlichkeit demonstrierten, immer auch den Bei-geschmack eines Comebacks, wie auch die LP Pik Sibbe (1993), aufgenommen in Peter Maffays Red Rooster Studio, die das Zusammengehörigkeitsgefühl der Band betonen sollte.
Doch nicht von Dauer: 1994 übertrug Niedecken Dylan-Songs ins Deutsche und nahm sie mit seiner sogenannten Leopardenfell-Band auf: "Die Jungs von BAP sind nun mal keine Dylan-Fans." Im April 1996 verließen Borg und Boecker nach 16 Jahren Zugehörigkeit die Band. Der neue Bassist Werner Kopal hatte zuvor bei Klaus Lage, der Zeltinger Band, Bläck Fööss, Herwig Mitteregger und der RTL-Nachtshow-Band gespielt. Der neue Drummer Mario Argandona gab als Renommee die Hauptrolle im Musical "Jesus Christ Superstar" 1972 in Santiago de Chile an. Ihr Konzeptalbum Amerika (1996), das BAP in einem gemieteten Sonderzug der Deutschen Bundesbahn mit sorgsam vorbereiteten Ad-hoc-Sessions auf deutschen Bahnhöfen promotete, klang mit seiner "zähen, mitunter bemühten Rocker-Pose, klebrigem Breitwand-Sound und großspuriger Stones-Kopie" dem "Musikexpress" wie "der feuchte Traum L. A.-verliebter Teutonen-Rocker". Das Presseheft zum Album wartete neben einem "wirklich wirren, ellenlangen Text" von Heinrich Böll mit dem erhellenden Kernsatz auf: "Die einzelnen Songs wirken wie die Stücke einer Torte, die alle nach innen zeigen."
Kaum hatte Niedecken die Arbeit am Folgealbum Comics & Pin-Ups (1999) in hohen Tönen gelobt ("Die Band ist während der letzten Tournee so zusammengewachsen, wie es nach den massiven Umbesetzungen vor den Amerika-Sessions noch nicht der Fall sein konnte"), da braute sich neues Ungemach zusammen – wie es schien. Diesmal kündigten – im März 99 – "Major" Heuser und "Effendi" Büchel ihren Ausstieg an. Die Neubesetzung der Positionen Gitarre und Keyboards durch Helmut Krumminga und Michael Nass wurde während der Sommerkonzerte in fliegendem Wechsel vollzogen, hinzu kam Sheryl Hackett (voc, perc).
Als dann das in 14 Tagen im südfranzösischen Pompignan überwiegend live eingespielte Album Tonfilm (1999) als Reminiszenz der Band-Geschichte bis weit zurück zu Klassikern wie Jupp, Ne schöne Jrooss, Müsli Män auf den Markt kam, reagierte die Kritik auf die neuen "Wolfgang Niedecken All Stars Formerly Known As BAP" (Jörg Peter Klotz) einhellig positiv. "Leicht, lässig und laidback", so der "Musikexpress", schössen sich Niedecken & Co. mit ihren alten Songs ins musikalische Hier und Jetzt: "Sozusagen zurück in die Zukunft." Ihr Album Tonfilm, so "Rolling Stone", "könnte auch Leuten gefallen, die BAP gewohnheitsmäßig für einen chemischen Kampfstoff halten". Im Jahr 2000 wurde die zwanzigjährige BAP-Geschichte mit einem Budget von 1,1 Millionen Mark unter dem Titel "Vill passiert" von Wim Wenders verfilmt.
Zum Band-Jubiläum und zum 50. Geburtstag gönnte sich Niedecken für das Album Aff un zo (2001) eine leer stehende Gründerzeit-Villa in der Cala San Vicenç an der Nordküste von Mallorca als Aufnahmeort. Als Resultat registrierte Ernst Hofacker im "Musikexpress" eine "neue Lust an filigranen Klangmalereien und ungewöhnlichen Instrumentierungen" sowie "geradezu drastisch bessere Gesangsarrangements". Als nachteilig vermerkte der Kritiker "etwa den Hang zur grün gestrichenen Alternativ-Bürgerlichkeit in den Texten, BAP eben", während Jörn Schlüter im deutschen "Rolling Stone" nach Zugeständnissen an die neuen Sidemen zu dem vernichtenden Schluss kam: "In diesen alten Schlauch passt kein junger Wein."
Niedecken widerfuhr das Schicksal aller älter werdenden und sich selbst treu bleibenden Rockmusiker mit breiter Akzeptanz: einerseits Hit-Erfolg ( Aff un zo auf Platz eins in den deutschen Charts) und Umarmung durch das Establishment (unter den erotischsten deutschen Männern im Klatschblatt "Bunte" auf Platz elf), andererseits Missgunst der nachwachsenden Kritikergeneration. So hob ihn eine Niedermacher-Riege um den Satiriker Wiglaf Droste sogar auf den Buchdeckel ihrer Spottschrift "Who is who peinlicher Personen" (2000).
Der Vater von zwei Söhnen aus erster und zwei kleinen Töchtern aus zweiter Ehe arbeitete unverändert auch als Maler an der Staffelei. Niedecken 2001: "Ich wollte immer nur Maler werden und dachte, BAP ist eine Sache von zwei Jahren. Das habe ich falsch eingeschätzt. Nun bewahrt mich die Musik davor, in der Kunst zum Fachidioten zu werden – und umgekehrt." Zeit für den Abschied?(...)
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
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Historische Diskografie
LPs:
Wolfgang Niedecken’s BAP rockt andere kölsche Leeder (1979)
Affjetaut (1980)
Für Usszeschnigge (1981)
Vun drinne noh drusse (1982)
Bess demnähx (1983)
Zwesche Salzjebäck un Bier (1984)
Ahl Männer, aalglatt (1986)
Da Capo (1988)
X für ’e U (1990)
… affrocke!! (1991)
Pik Sibbe (1993)
Amerika (1996)
Comics & Pin-Ups (1999)
Tonfilm (1999)
Aff un zo (2001)
Öwerall (2002)
Sonx (2004)
Radio Pandora (2008)
Halv Su Wild (2011)
Zusammenstellungen (Auswahl):
Wahnsinn – Die Hits von 79–95 (1995)
Dreimal zehn Jahre (2005)
LPs Wolfgang Niedecken:
Schlagzeiten (1987)
Leopardefell (1994)
Niedecken Köln (2004)

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