Band,The
Biografie
The Band hatte die Popmusik 1968/69 nach den Lärmorgien des Psychedelic Rock wieder auf leisere Töne und gesunde Countryklänge umgestimmt. Die fünf bärtigen Musikanten, die aussahen, als seien sie einem verblichenen Foto aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs entsprungen, sangen von den einfachen, guten Dingen des Lebens: von Geburt und Tod, vom Korn auf den Feldern, dem Wirbelsturm in Ohio, den wispernden Pinien in Louisiana, vom "Rauschen der Reishalme, wenn der Wind über das Wasser weht", und von einem alten Schaukelstuhl auf der Terrasse eines Farmhauses in Virginia. Ihre Lieder waren überwiegend sehnsüchtige Erinnerungen an die Zeit Abraham Lincolns, als noch Raddampfer auf dem Mississippi schaukelten und Vaudeville-Truppen mit "Heiligen und Sündern, Verlierern und Gewinnern" durch die Südstaaten zogen.
Wenn die Band aufspielte, klang es, als öffne sich ein amerikanisches Volksmusikarchiv: Ein Ragtime-Klavier schepperte, Hillbilly-Geigen fiedelten, eine Dixielandband blies, Rock ’n’ Roll war mit Folksongs und anglikanischen Chorälen vermischt. Ralph Gleason: "Eine kulturelle Mixtur ohne Parallelen in der zeitgenössischen Musik."
Von 1959 bis 1965 tingelte das Quintett, das insgesamt 15 Instrumente beherrschte, unter dem Namen The Hawks als Begleitensemble des Sängers Ronnie Hawkins von Dorf zu Dorf und spielte in Kneipen, "in denen die Wände voller Pistolenkugeln steckten". Gitarrist Jaime "Robbie" Robertson, am 5. Juli 1944 in Toronto, Kanada, geboren, war schon als 16-Jähriger von Kanada nach Mississippi getrampt, um dort "den Blues einzuatmen". Rick Danko (bg), am 9. Dezember 1943 in Simcoe, Kanada, geboren, war der Sohn eines Holzfällers. Garth Hudson (org, p), am 2. August 1943 in London, Kanada, geboren, wuchs auf einer Hinterwäldlerfarm in Ontario auf, Levon Helm (dr), am 26. Mai 1940 in Marrell, Arkansas, geboren, auf einer Plantage. Richard Manuel (g, p), am 3. April 1945 im kanadischen Stratford, Ontario, geboren, wurde als einziger in der Stadt groß: Er leitete bereits als Schuljunge eine eigene Band.
1965 trennten sich die Musiker von Ronnie Hawkins, um zusammen mit Bob Dylan Konzerte zu geben. Sie nahmen mit ihm unter anderem in Dylans Haus in Woodstock die zunächst durch Raubpressungen berühmt gewordenen Basement Tapes auf. In Woodstock, wo die Huckleberry Finns der Popmusik 1968 mit ihren Familien ansässig wurden, entstand – in einem rosa gestrichenen Holzhaus – auch ihre trendauslösende erste Ensemble-LP Music From Big Pink: gänzlich ohne Montagen und elektronische Tricks. Dieses Album, urteilte der Organist Al Kooper im August 1968 in "Rolling Stone", sei "ein Ereignis und sollte als solches gewertet werden".
Rockfans in aller Welt bewerteten Big Pink sowie auch die folgenden LPs der Band mit Gold: Mit jeder wurden Umsätze von mehr als einer Million Dollar erzielt. "Lange genug", kommentierte Robertson diesen Erfolg, "haben die Leute eine Konservendose als Kunst angesehen und sich an Rückkoppelungsgeräuschen berauschen müssen. Jetzt sagen sie: Lasst uns mal wieder eine richtige Story hören, wir haben die Wahrheit lange vermisst." Am konzentriertesten und zugleich facettenreichsten wurde die Band-Wahrheit in den 17 Stücken ihres um Neujahr 1972 in der New Yorker Academy of Music mitgeschnittenen Live-Doppelalbums Rock Of Ages vermittelt. Ein sechsköpfiger, von Allen Toussaint arrangierter Bläsersatz, in dem die Jazzmusiker Snooky Young (tp, flh), Howard Johnson (bs, tuba, euphonium), Joe Farrell (sax, horn) mitwirkten, addierte zum instrumentalen und vokalen Wechselspiel des Quintetts, glanzvoll aufgezeichnet, eine ungewohnte Power-Dimension.
Mit der danach wieder ohne Gastmusiker produzierten Studio-LP Moondog Matinee, die Rock ’n’ Roll-Klassiker wie Chuck Berrys Promised Land, Fats Dominos I’m Ready, Sam Cookes A Change Is Gonna Come sowie den einstigen Platters-Hit The Great Pretender enthielt, belebte das Ensemble nostalgiebewusst Geist und Atmosphäre der Rock-Vergangenheit und des eigenen Frühstils. Ende 1973 begleitete The Band Bob Dylan auf der LP Planet Waves und ging mit ihm Anfang 1974 auf seine spektakuläre Comeback-Tournee. Die neuerliche Bühnen-Kollaboration mit Dylan wurde im Live-Doppelalbum Before The Flood dokumentiert.
Nach der Trennung von Dylan zeigte die Band zunehmend Anzeichen von Ermüdung. Der rustikale Stil wurde hölzern. Kritiker konnten den letzten beiden LPs Northern Lights, Southern Cross (1975) und Islands (1977) kaum positive Seiten abgewinnen. Am Thanksgiving Day im Herbst 1976 gab die Band ihr spektakuläres Abschiedskonzert nach 16-jähriger Bühnen- und Plattenkarriere im Winterland Ballroom in San Francisco vor 5000 Fans, das von Martin Scorsese unter dem Titel "The Last Waltz" verfilmt wurde. Unter den Gastsolisten, die auch auf einem Drei-LP-Album zu hören waren: Paul Butterfield, Eric Clapton, Neil Diamond, Bob Dylan, Emmylou Harris, Ronnie Hawkins, Dr. John, Joni Mitchell, Van Morrison, The Staples, Ringo Starr, Muddy Waters, Neil Young. Alle Musiker blieben nach ihrem Band-Ende als Filmkomponisten, im Plattenstudio und im Konzertsaal aktiv und miteinander in Kontakt – am wenigsten Richard Manuel: Er wartete auf eine Wiedervereinigung der Band.
Ein Comeback kam im Frühjahr 1986 mit Jim Weider (g) anstelle von Robertson. Nach einem Konzert am 7. März in der Cheek to Cheek Lounge in Winter Park, Florida, brannten Manuel unter Alkohol und Kokain die Sicherungen durch. Während seine Frau Arlie für zehn Minuten die Toilette im Motel aufsuchte, erhängte er sich. Als Nachruf passte ein Text, den Robbie Robertson schon 1976, gegen Ende des Last Waltz-Konzertes, gesprochen hatte: "The road has taken a lot of the great ones … It’s a goddamn impossible way of life." The Band ohne Robertson trat seither immer wieder einmal auf – so 1990 bei Roger Waters’ Aufführung von The Wall (Pink Floyd) am Potsdamer Platz in Berlin, bei einem Bob Dylan-Tribute im Madison Square Garden 1992, bei den Zeremonien der Rock and Roll Hall of Fame im New Yorker Waldorf Astoria und beim Festival Woodstock II 1994 sowie beim letzten Konzert der Grateful Dead auf dem Soldier Field in Chicago 1995.
1993 brachte die Band in der Besetzung Danko, Helm, Hudson, Weider, Richard Bell (p), Randy Chiarlante (dr) mit den Gästen Champion Jack Dupree (p), Vassar Clements (vi) nach 18-jähriger Plattenpause das Album Jericho heraus, gefolgt von High On The Hog (1996), für dessen Promotion sie auch im Londoner Forum gastierten, und Jubilation (1998), dem "Tip" nachsagte, der ehemals visionäre Charakter des warmen, von den Traditionen des amerikanischen Südens durchtränkten Ensemble-Sounds sei einer nostalgischen Stimmung gewichen. Im Song Don’t Wait hieß es: "Singing old songs, see if they help." Das Publikum vermisste die Evergreens. "Wie kann es kommen, dass Musiker mit einem derartig umfassenden Erfahrungsfundus so wenig Fingerspitzengefühl zeigen können?" klagte "Musikexpress".
Robertson, der bereits unter anderem für Scorseses Filme "Raging Bull", "King of Comedy", "The Color of Money" komponiert hatte, lieferte nach zwei atmosphärischen Soloalben mit den Gästen Peter Gabriel, U2 ( Robbie Robertson, 1987) sowie Aaron Neville, Toni Childs ( Storyville, 1991) für die sechsstündige TV-Dokumentation in drei Teilen "The Native Americans" 1994 ein grandioses musikalisches Panorama der indianischen Völker Nordamerikas. Robertsons Mutter war Mohikanerin. Zahlreiche Künstler indianischer Abkunft, darunter seine Tochter Delphine (voc) und sein Sohn Sebastian (dr), aber auch die Opernsängerin Bonnie Jo Hunt, eine Navajo, nahmen an den Aufnahmen teil. Levon Helm, der mit Dr. John (p), Paul Butterfield (harm) und Booker T. & The M.G.’s 1977 das erste Soloalbum "traumwandlerisch sicher zwischen Swing und Swamp" ("Musikexpress") eingespielt hatte, beklagte in seiner Autobiographie "This Wheel’s On Fire" 1993, Robertson habe ihn und die anderen Musiker um kollektiv erarbeitete Copyrights beklaut.
Das berühmte Farmhaus in Saugerties bei Woodstock auf dem Cover des Albums Music From Big Pink wurde im Oktober 1995 von seinem damaligen Besitzer Mike Amitin für 165 000 Dollar verkauft. Im Mai 1997 wurde Rick Danko in Tokio verhaftet, weil ein Tütchen mit 1,25 Gramm Heroin bei ihm gefunden worden war. Er trug vor, seine Frau telefonisch um "medication" gebeten zu haben, und sie habe ihm versehentlich das falsche Mittel geschickt. Danach machte seine Drogensucht immer wieder Schlagzeilen. Am 10. Dezember 1999 starb Rick Danko in seinem Haus in Marbletown im US-Bundesstaat New York.
Garth Hudson wartete 2003 mit dem Soloalbum The Sea To The North als Multiinstrumentalist mit zahlreichen Gästen in zwischen Jazz, Rock und ostasiatischen Klängen oszillierenden Stilfacetten auf. "Good Times": "Fast rein instrumental, nicht immer leicht verdaulich." 2005 erschien eine Art Gesamtwerk der Band mit fünf CDs und einer DVD unter dem Titel A Musical History(...)
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Music From Big Pink (1968)
The Band (1969)
Stage Fright (1970)
Cahoots (1971)
Rock Of Ages (1972)
Moondog Matinee (1973)
In Concert (1973)
Northern Lights, Southern Cross (1975)
Islands (1977)
The Last Waltz (1978)
Jericho (1993)
Live At Watkins Glen (1994)
High On The Hog (1996)
Jubilation (1998)
Zusammenstellungen (Auswahl):
The Best Of (1976)
Anthology (1978)
To Kingdom Come (1989)
The Night They Drove Old Dixie Down (1990)
A Musical History (2005, 5-CD + DVD)
Best Of (2007)
LPs Rick Danko:
Rick Danko (1977)
Danko/Fjeld/Andersen (1991)
Ridin’ On The Blinds (1994)
In Concert (1997)
Live On Breeze Hill (1999)
Times Like These (2000)
One More Shot (2001)
A Memorial Edition (2002)
Cryin’ Heart Blues (2005)
LPs Levon Helm:
The RCO All-Stars (1977)
Levon Helm (1978)
American Son (1980)
Levon Helm (1982)
Souvenir, Vol. 1 (1997 mit The Crowmatix)
The Ties That Bind (1999)
The Midnight Ramble Sessions, Volume One (2005)
The Midnight Ramble Sessions, Volume Two (2005)
Live At The Palladium NYC, New Year’s Eve, 1977 (2006)
Dirt Farmer (2007)
Electric Dirt (2009)
Rumble At The Ryman (2011)
LPs Garth Hudson:
Our Lady Queen Of The Angels (1980)
The Sea To The North (2003)
Live At The Wolf Trap (2005 mit Maud Hudson)
LPs Robbie Robertson:
Robbie Robertson (1987)
Storyville (1991)
Music For The Native Americans (1994 mit The Red Road Ensemble)
Contact From The Underworld Of Red Boy (1998)
Zusammenstellung:
Classic Masters (2002)
LP Richard Manuel:
Whispering Pines – Live At The Getaway, 1985 (2007)
LPs Jim Weider:
Big Foot (1998)
Remedy (2002)
Percolator (2005)
Weitere LPs Bob Dylan, Ronnie Hawkins

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