Ian Anderson
Biografie
Ian Anderson (fl, voc, harm, g, org, p, vi, tp, sax), am 10. April 1947 in Blackpool, England, geboren, war der Pied Piper, der Rattenfänger der Rockmusik. Vom Jazz-Flötisten Roland Kirk angeregt, dessen Serenade To A Cuckoo (Serenade für einen Kuckuck) er interpretierte, machte er die Querflöte zum obligaten Instrument seiner Band Jethro Tull (siehe Bio). Mit einem altväterlichen Frack bekleidet, dessen linken Schwalbenschwanz er abgeschnitten hatte, schwelgte er in langen Kadenzen voller Spucktöne, mitgeknurrter Balzlaute und Glissandi, warf sich mitunter auf den Boden und vollführte eine abenteuerliche Gymnastik. "Ständig ist er in choreographisch fesselnder Bewegung", beobachtete der Kritiker Werner Burkhardt, "lässt sich mit schonungsloser Bizarrerie in die Knie sacken, rudert mit den Händen wie mit Fledermausflügeln. Während er verzehrende Flötensoli ins Mikrophon schluchzt, hält er sich nur auf dem Standbein aufrecht, hat das andere rechtwinklig angehoben und winkt mit Wade und Zeh in die Menge: Hans Huckebein, der Blues-Rabe, halb Philoktet und halb Cancan." Das strengte den Milchtrinker und Alkoholverächter oft derart an, "dass ich halb ohnmächtig werde und Pillen nehmen muss, um weiterspielen zu können" (Anderson).
Vor seiner Musikerkarriere hatte er eine Kunstschule besucht und war zunächst unentschieden, ob er in die Musikindustrie gehen oder beim "Blackpool Evening Herald" Journalist werden sollte. Über ein Ensemble namens Blades und die John Evans Blues Band führte ihn sein Weg stattdessen zu Jethro Tull. Obgleich er die Gruppe wie ein Monarch führte und sie ganz in den Dienst seiner Musik stellte, versuchte er mehrfach, sich kompositorisch und solistisch von den Zwängen der Rockband zu befreien. Schon das Album A (1980) hatte er als Anderson-Veröffentlichung geplant, sich aber aus Marketing-Überlegungen wieder dem Gruppennamen untergeordnet. Sein synthesizerorientiertes Solodebüt Walk Into Light schaffte es 1983 nur auf Platz 78 der britischen Charts, während das Jethro Tull-Album Under Wraps etwa zur gleichen Zeit auf Platz 18 kulminierte.
Eine schwere und langwierige Halsentzündung zwang ihn 1984/85 zu einer zweijährigen Spielpause. Das London Symphony Orchestra zelebrierte derweil The Music Of Jethro Tull im Deutschen Fernsehen, auf einer Konzerttournee in Europa und den USA sowie für die Platte A Classic Case. Anderson legte sich an der schottischen Westküste eine Fischzucht zu, der er sich zunehmend widmete – im Einklang mit der Natur und mit Gott. Ihm widmete der fromme Künstler 1995 das Instrumentalalbum Divinities: Twelve Dances With God, das nicht von den Rock-, sondern von den Klassikabteilungen der Konzerne betreut wurde: EMI Classics in Großbritannien, Angel Records (Polygram) in den USA.
Auf der CD The Secret Language Of Birds (2000) beschäftigte er sich, wie der Name sagt, mit dem Zwitschern der Vögel, auf Rupi’s Dance (2003) waren zwei Songs seinen Wildkatzen gewidmet. Eine davon starb mit zwölf Jahren an Leberkrebs, ihrer Nachfolgerin galt das Titelstück. Anderson: "Die Songs lösen eine emotionale Reaktion aus. Sie enthalten Improvisationen, aber auch melodisches, strukturiertes Material. Es sind komplexe Stücke, keine simplen sentimentalen Liedchen."
In den USA kreierte der Flötist, der sich 2002 einer lebensgefährlichen Krampfaderoperation unterziehen musste, das Veranstaltungsprojekt "Rubbing Elbows", eineKombination von Konzert, Jam Session und Talkshow: "Gleichzeitig über meine Musik zu reden und sie zu spielen, auch mit anderen Musikern, ist spannend. Auch wenn es mental stressiger ist als eine physisch anstrengende Tournee: Du musst immer sofort reagieren, weißt nie, in welche Richtung sich etwas entwickelt." Noch wichtiger aber wurden ihm seine animalischen Kontakte: "Es ist interessant, mit Tieren zu leben; interessant, in der Natur wie auf einem vollen Marktplatz unter Wesen zu sein, die nicht deine Sprache sprechen, sondern ihrem ganz persönlichen täglichen Leben nachgehen. All das ist potenzielles Material für Songs, Filme, Bestseller."
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Walk Into Light (1983)
A Classic Case (1985 mit dem London Symphony Orchestra)
Divinities:
Twelve Dances With God (1995)
The Secret Language Of Birds (2000)
Rupi’s Dance (2003)
Ian Anderson Plays The Orchestral Jethro Tull (2005)
Weitere LPs Jethro Tull

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