Amy Winehouse
Biografie
Amy Winehouse Jade (voc), geboren am 14. September 1983 in Southgate, London, vereinte ebenso alle Klischees des Pop-Betriebes auf sich, wie sie sich darüber hinwegsetzte. Mit Preisen und Auszeichnungen überschüttet, galt sie als ultimative Rettung des Soul, doch wurde ihr wenig Gelegenheit gegeben, ihre Persönlichkeit in ihrer Musik zu entfalten. Nicht zuletzt unter massivem Zutun der Medien wurde "die Schnapsdrossel unter den Sängerinnen" ("Jetzt/Süddeutsche Zeitung") in eine Nische gedrängt, die sie willig und perfekt ausfüllte, obwohl sie "in ihrer bisherigen Karriere alles tat, um dem Quarantäneprinzip und der inszenierten Verruchtheit des Popgeschäfts entgegenzusteuern. Bei der britischen Soulsängerin geht alles ins Steile und Absturzgefährdete", so Thomas Thiel in der "FAZ". Glamour und Elend, Triumph und Mitleid lagen selten so eng beieinander wie bei der jungen Soul-Diva mit der Bienenkorb-Frisur, deren Outfit sogar Karl Lagerfeld inspirierte. "Ihr Talent könnte reichen, um Madonna Paroli zu bieten. Doch die 24-Jährige steht sich selbst im Weg" ("Stern").
Ob ihre zwischen Faszination und Abscheu pendelnde Popularität trotz oder wegen ihres schrillen Äußeren, ihrer Drogensucht und ihrer skandalös nichtssagenden Interviews zustande kam, ließ sich schwer nachvollziehen. Ihre Laufbahn war von Verhaftungen, Zusammenbrüchen, Erschöpfungszuständen, Bulimie, zerlegten Hotelzimmern und abgebrochenen Rehabilitationsmaßnahmen begleitet. Ihr Ehemann Blake Fielder-Civil landete wegen Körperverletzung im Gefängnis, was Mitte 2007 die Lebenskrise der Sängerin noch verschärfte. Das "Potpourri an Exzessen" ("Die Welt") gipfelte darin, dass sie sich auf der Bühne des Londoner Astoria öffentlich übergab.
Ihre Eltern äußerten gegenüber britischen Medien mehrfach die Angst, ihre Tochter könne Selbstmord begehen. Der britische Branchendienst "Female First" berichtete unter Berufung auf Insider von einem Selbstmordpakt mit Fielder-Civil. Christian Kortmann in der "Zeit" klassifizierte sie als "Kunstfigur, deren Leben die Menschen fesselt". Michael Pilz in der "Welt" unterstellte ihr die "Großstrategie: Hauptsache, ich hebe mich gegen den Rest ab".
Amy Winehouse wuchs als Tochter eines Taxi fahrenden Jazzmusikers und einer Apothekerin in einer jüdischen Familie im Londoner Stadtteil Camden auf. Mit zehn Jahren gründete sie die Rap-Gruppe Sweet ’n’ Sour, mit 13 erhielt sie ihre erste Gitarre, ein Jahr später schrieb sie erste Songs, um kurz darauf die Schule zu schmeißen. Bereits als Teenager sammelte sie einschlägige Drogenerfahrungen. Dennoch brachte sie die Kraft auf, als Showbiz-Journalistin für das World Entertainment News Network zu arbeiten und in einer Jazzband zu singen. Ihr Freund Tyler James, ebenfalls ein Soul-Sänger, schickte 2002 Demoaufnahmen an einen Talentscout, und mit 19 Jahren hatte das frühreife Stimmwunder seinen ersten Plattenvertrag bei Island in der Tasche. Mit den Dap-Kings, der langjährigen Backing-Band von Soulsängerin Sharon Jones, nahm sie ihr erstes Studioalbum Frank (2003) auf und ging auf Tour. Der jazzige Einschlag des Albums trug ihr Vergleiche mit Sarah Vaughn und Macy Gray ein.
Der internationale Durchbruch gelang ihr jedoch erst mit dem zweiten Album Back To Black (2006). Es sei, analysierte Sasha Frere-Jones in der Zeitschrift "The New Yorker", "eine geschickte und überzeugende Nachahmung der Girl Groups aus den Sechzigern, der Jazzsänger aus den Vierzigern sowie einer Vielfalt von Rhythmen aus den Siebzigern und Neunzigern; die Achtziger werden ausgelassen". So erscheine denn Back To Black als "ein modifiziertes Sixties-Soulalbum mit einer perfekten Single – dem allgegenwärtigen Song Rehab, der es ihr erlaubt, ihre Sucht zu bekennen, zu veräppeln und zu rechtfertigen –, geschrieben und gesungen von einem 24-jährigen Mädchen aus London-Southgate, das mit dem Musikgeschmack eines alten Juden renommiert". Winehouse’ Musik sei den Fans vertraut, die sich noch an die Originale erinnerten, und originell genug für die Jüngeren. Sie appelliere an die HipHop-Generation und vermeide doch tunlichst deren aktuellen Rap. Vielmehr klinge sie wie die Tracks, welche die Rapper einst sampelten. Sasha Frere-Jones: "So viele Bevölkerungsgruppen vereint durch die Magie des Konsums!"
Im August 2007 sagte Amy Winehouse aufgrund gesundheitlicher Probleme mehrere Konzerte ab, darunter eines im Vorprogramm der Rolling Stones. Eine Tour im Oktober und November desselben Jahres endete beinahe jeden Abend in Tränen. "Ihre Begleitband wirkte agil, während Frau Winehouse in einer Art Eidechsenstarre vernuschelte Texte intonierte und dabei gelegentlich den Eindruck vermittelte, als kippte sie gleich nach vorne", resümierte der "Musikexpress" und verglich ihre Außenwirkung mit einer "schlechtgelaunten Lakritze".
Doch ihre unvergleichliche Achterbahnfahrt trug die "mit sich selbst beschäftigte Neurotikerin" ("Die Welt") kurz darauf wieder ganz nach oben. Die selbstbewusste Öffnung in Richtung Motown, Indie Rock und HipHop unter Abkehr von ihren Jazz-Wurzeln trug ihr Anfang 2008 fünf Grammys ein. An der Verleihung konnte sie nur via Satellit teilnehmen, da ihr bis kurz vor der Veranstaltung die Einreise in die USA verweigert worden war.
Bei den Londoner Brit Awards, wo sie nach ihrem Drogenentzug selbstbewusst und mit klarer Stimme einen Live-Auftritt absolvierte, gewann sie leider nur in der Kategorie "Worst Dressed Performer".
Am 13. Februar 2011 starb Amy Winehouse aufgrund einer Alkoholvergiftung.
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
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