Wilson,Cassandra
Wilson,Cassandra
Eine der letzten großen Gesangsdiven Amerikas wurde zwei Tage vor dem Nikolaus des Jahres 1955 in Mississippi geboren. Ab ihrem neunten Lebensjahr erhielt die hochgewachsene Schönheit Unterricht sowohl am Klavier als auch an der Gitarre und an der Grenze zur Teenager-Existenz angekommen und vielleicht sogar beeinflusst vom Summer of Love, beginnt Wilson mit dem Verfassen der ersten eigenen Songs. Möglichen professionellen Ambitionen zum Trotz nimmt sie in den 1970-er Jahren das Studium der Kommunikationswissenschaften auf, welches sie nach ihrem Abschluss zunächst in die Presseabteilung eines Fernsehsenders führte. Zeit zum Singen nahm sie sich dennoch reichlich; immerhin reichte es für die Entscheidung, sich Anfang der 1980-er Jahre und ausgestattet mit guten Kontakten in New York als Sängerin selbständig zu machen. Mit der Hilfe von Größen wie Dave Holland und Abbey Lincoln fasste sie im Big Apple schnell Fuß. Erste Erfolge stellten sich aber erst ein, nachdem Wilson begonnen hatte, mit dem Free Funker und Saxophon-Vituosen Steve Coleman zusammenzuarbeiten. Der und andere Gleichgesinnte hatten gegründet, was man heute eine Crew nennen würde.
Aber auch dieses M-Base Kollektiv sollte sich lediglich als Durchgangsstation für die Vokalistin herausstellen. Ähnlich erging es der von Henry Threadgill angeführten Formation New Air, die sich wie auch Steve Coleman und Konsorten vor allem auf hoch-komplexe Rhythmen und wahnwitzige Tonfolgen verstand. Und 1985, Frau Wilson ist da immerhin schon fast 30, erscheint ihr erstes Album unter eigenem Namen. Es trägt den Titel Point of View und steht noch sehr unter dem Einfluss von Steve Colemans freier Interpretation des Jazz-Funk, der mit den nachfolgenden Veröffentlichungen allerdings zunehmend geringer werden sollte. Ein paar Jazz-Standards-Aufnahmen jedoch kann sie sich auch in diesen frühen Tagen ihrer Karriere nicht verkneifen. Das Album Blue Skies aus dem Jahr 1988 legt davon Zeugnis ab. Erst 1993 und mit der Veröffentlichung ihres immerhin schon neunten Albums Blue Light ’Til Dawn gelingt Wilson das, was man gemeinhin als internationalen Durchbruch feiert. Mit einer eigenständigen Mischung aus Jazz-Standards, Popstücken und Blues-Epen ist die Frau mit der unverwechselbaren Stimme den Jazz-Olymp hinaufgefahren. Nicht ganz unwichtig dabei dürfte die Rolle ihrer einmal legendären Plattenfirma, Blue Note Records, gewesen sein. Ab Anfang der 1990-er Jahre gewann das lange Zeit als ruinös geltende Label wieder an Renommee und damit auch die dort unter Vertrag stehenden Künstler.
Ganz unabhängig von der Plattenfirma allerdings ist es Fakt, dass ihre Version des Van Morrison-Klassiker Tupelo Honey die Song-Weltmeisterschaft 1993 für sich entscheiden konnte. Für ihr nächstes Album New Moon Daughter gibt’s 1996 gar einen Grammy als beste Jazzsängerin. 1999 zollt Wilson ihrem Idol Miles Davis Tribut und interpretiert einige der von ihm berühmt gemachten Songs. Traveling Miles allerdings erfährt von Seiten der Jazzkritik nicht nur Wohlwollen. Der Wilson ist das schnurzpipe. Im Jahr 2002 nimmt sie das Album Belly Of The Sun auf und zeigt sich damit von ihrer vielfältigsten Seite. Kein ganzes Jahr später erscheint 2003 ihre vorerst letzte CD-Aufnahme. Glamoured besticht wie alle ihre Blue Note-Veröffentlichung dadurch, dass Wilson sämtliche musikalische Genres durch ihren dunkelwarmen Stimmkakao zieht – beängtigend wohltuend.




