Springsteen,Bruce
Gitarre
Klavier
Springsteen,Bruce
Die Musiknation Amerika hat viele Akteure, doch nur wenige Chefs: Es gibt den King, es gibt den Godfather of Soul, und es gibt den Boss - Bruce Springsteen. Seine Songs sind überall da zuhause, wo es einsam ist: auf den weiten Highways, in den tristen Vorstädten... immer ganz nah bei denen, die irgendwo da draussen Sehnsucht haben. Sehnsucht nach etwas, das man nicht in Worte fassen kann - Springsteen kann es.
Geboren in den USA
Bodenständig, authentisch, sozialkritisch, leidenschaftlich - häufige Attribute für den Weltstar Bruce Springsteen. Seit vielen Jahren gilt er als die Stimme des "aufrichtigen" Amerika, eine Rolle, die ihm nicht immer leichtfällt, ihm, dem aus einfachen Verhältnissen stammenden Working-Class-Helden aus New Jersey, der im Grunde immer nur guten, aufrichtigen Rock'n'Roll machen will. In vielen Momenten seiner Karriere verschmilzt er komplett mit der ihm zugeschriebenen Rolle, in anderen wehrt er sich vehement dagegen. Vor allem dann, wenn er sich missverstanden glaubt - bzw. vor einen Karren gespannt wird, der ihm nicht behagt. Auf der Bühne, die er sich selbst aussuchen kann, wächst der 1,70 kleine Mann über sich hinaus: Springsteen-Konzerte sind fast religiöse Messen, in denen Rock und seine Mythen zelebriert werden, als seien sie die absolute Wahrheit. Die Überführung von Widersprüchen einer komplexen, mit Schattenseiten beladenen Gesellschaft in poetische Lieder - niemand hat diesen Zaubertrick so gut und massenwirksam hingekriegt wie Bruce Springsteen.
Es mag von Interesse sein, wo der Teenager Bruce seine erste E-Gitarre in die Hand nimmt und zur Kasse trägt - 1963 in einem Pfandhaus in New Jersey, 18 Dollar kostet das gute Stück. Auslöser für den Kauf ist der Anblick der Beatles in der "Ed Sullivan Show", der Bruce den Weg zum späteren Beruf weist. Nachdem er sich in ein paar Schülerbands warmgespielt hat, baut er aus den besten Musikern, die dort seinen Weg gekreuzt haben, die berühmte E-Street-Band zusammen. Fast zwei Jahrzehnte lang werden ihn diese Leute begleiten: Steve Van Zandt (Gitarre), Danny Federici (Orgel), Roy Bittan (Piano), Gary Tallent (Bass), Max Weinberg (Drums) und der Saxophon-Hüne Clarence Clemons, neben dem Boss der Mittelpunkt einer hingebungsvoll vorgetragenen Rock'n'Roll-Show, die "Springsteen live" zum Ereignis macht. 1973 erscheint das erste Album Greetings From Asbury Park, N.J., ein Jahr später bereits The Wild, The Innocent And The E Street Shuffle. Mit diesen Alben erspielt sich Springsteen einen exzellenten Ruf als Songwriter und Texter, seine Lyrics thematisieren die Poesie, aber auch die Schattenseiten des "American Dream": Verlorene Hoffnungen, unerfüllbare Sehnsüchte und Einsamkeit in allen Facetten, wie Springsteen sie in den Vorstädten von New York beobachten und in Songs transformieren kann.
Du musst rennen, Bruce!
Ein Musikerdasein abseits der grossen Bühne, bis Springsteens Karriere 1975 durch einen einzigen Song, der alles bisher Gesungene auf den Punkt bringt, einen rasanten Schub erfährt: Baby, komm, wir setzen uns ins Auto und fahren weg, ohne Ziel, nur weit weg von hier: Born To Run. Ein Lovesong über Amerika schlechthin, in verzweifeltem Überschwang vorgetragen. Zeitgleich schreibt Jon Landau, hipster Kritiker der USA und so ein grosser Fan von Springsteen, dass er für das zugehörige Album zum Produzenten wird, den berühmten Satz "Ich habe die Zukunft des Rock'n'Roll gesehen, ihr Name ist Bruce Springsteen". Nun geht es richtig los - die Medien stürzen sich auf den neuen Hype. Springsteen landet auf dem Cover von Time und Newsweek und wird zu Amerikas grösster musikalischer Hoffnung nach Bob Dylan ausgerufen. Das Album Born To Run stürmt die Charts, Springsteen-Konzerte verwandeln sich in Massenveranstaltungen mit kultischem Charakter, denn alle wissen: unter vier Stunden macht der Boss es nicht.
Doch Springsteen hat noch anderes zu tun, als auf der Bühne seinen legendären Bizeps spielen zu lassen: er muss damit auch seinen Manager vor Gericht schleifen. Vier Jahre lang kassierte dieser durch einen cleveren Vertrag, bei dem Springsteen wohl das Kleingedruckte übersehen hatte, den Grossteil von Springsteens Tantiemen - was angesichts der veränderten Lage natürlich sofort geradegerückt werden muss. Die Angelegenheit zehrt an den Nerven und bremst Springsteens rasante Karriere erstmal aus - erst drei Jahre später erscheint das nächste Album, mit dem traurigen Titel Darkness On The Edge Of Town. Der Gegensatz zwischen dem, was Springsteen als Künstler will und dem, was um ihn herum veranstaltet wird, prägt auch The River (1980) und Nebraska (1982), das berühmte Album, für das sich Springsteen mit einem Vierspurgerät in seine Wohnung zurückzieht und nur mit Gitarre und Mundharmonika Geschichten über Massenmörder und andere alptraumhafte Phänomene amerikanischer Realität vertont. Hier kommt er Legenden wie Woody Guthrie und Bob Dylan ganz schön nahe. Eine kurze Verschnaufpause für den sensiblen Superstar, denn zwei Jahre später erscheint Born In The U.S.A., sein bislang grösster Erfolg. Verbunden mit einem weiteren Missverständnis: Eigentlich ein Song über Vietnam und das Elend einer Supermacht, wird der Refrain von amerikanischen Patrioten gegröhlt und gar von Ronald Reagan für den Wahlkampf instrumentalisiert.
Leben mit dem Rummel
Um klarzustellen, auf welcher Seite er steht, engagiert sich Springsteen, wie viele andere Stars, für musikalisch-politische Aktionen wie "No Nukes", "U.S.A. for Africa" und "Artists United Against Apartheid". Eine medienwirksame Grossoffensive, die in grossem Kontrast zu einem unspektakulären Privatleben steht - Springsteen bietet der Klatschpresse so wenig Futter wie kaum ein anderer. Die Scheidung von Model und Schauspielerin Julianne Phillips ist die einzige Holprigkeit im Privatleben - es passt ins Bild, dass Bruce schon zwei Jahre nach dem Ende des Ehekriegs schon wieder vor dem Traualtar steht. Diesmal mit Patti Scialfa, der Backgroundsängerin der E-Street-Band. Bodenständig wie Bruce, das passt, denken die Fans und jubeln dem Brautpaar zu. So ist alles wieder in Butter.
Nach Born in the U.S.A. kann Springsteen zwei weitere Plattenerfolge für sich verbuchen: Live 1975-85, eine 5-LP-Box mit mitreissenden Liveaufnahmen aus allen Stufen seiner Karriere, und Tunnel Of Love - eine Platte, die sich mit dem unschönen Ende seiner Ehe mit Julianne Phillips auseinandersetzt. Dies ist das letzte Album mit der E-Street-Band - 1989 erklärt der Boss die lange und erfolgreiche Zusammenarbeit mit seiner Begleitband - vorerst - für beendet. Nach diesem Einschnitt zieht sich Springsteen erneut zurück - trautes Familienglück mit Patti, seiner Tochter Jessica Rae und seinem Sohn Evan James. 1992 ist er wieder da - und hat gleich zwei Alben im Kofferraum: Human Touch, eine soulige Rockplatte für die Charts, und Lucky Town - eine Folkplatte fürs Herz. 1995 dann Streets Of Philadelphia, der preisgekrönte Titelsong zum Film mit Tom Cruise in der Rolle eines aidskranken Rechtsanwalts, und The Ghost Of Tom Joad, mit dem Springsteen der schauerlichen Atmosphäre von Nebraska einen weiteren Besuch abstattet. 1999, zehn Jahre nach der Trennung von der E-Street-Band, hat der Boss wieder Lust, mit seinen alten Kumpels auf der Bühne zu stehen - die lassen sich nicht lange bitten und begeben sich mit Springsteen auf eine einjährige Welttournee.
Bruce Springsteen - eine lebende Legende, die es sich nicht nehmen lässt, immer wieder Stellung zum aktuellen Zeitgeschehen zu beziehen - mit American Skin (41 Shots) stellt er die menschenverachtenden Ermittlungspraktiken der New Yorker Polizei gegenüber Afroamerikanern an den Pranger und verscherzt sich damit viele Sympathien in den höheren Kreisen. Mit dem Album The Rising (2002) ist er zudem einer der wenigen Musiker, die direkt auf die Katastrophe von 9/11 reagieren. Zuletzt reiht sich Springsteen bei "Vote for Change" ein, einer Kampagne gegen die Wiederwahl von George Bush, die bekanntermassen wenig Früchte trägt. Auf dem aktuellen Album Devils & Dust präsentiert sich Bruce Springsteen wieder in der Tradition von Nebraska und The Ghost Of Tom Joad. Es sind die zeitweiligen Rückzüge, aus denen Bruce Springsteen immer wieder Kraft schöpft für den unauflösbaren Widerspruch seiner Karriere: Ein Skeptiker, der die Augen vor dem Schmerz und den Ungereimtheiten in Amerika nicht verschliesst, muss als Aushängeschild seiner Nation dienen. Und ein bejubeltes Produkt der Unterhaltungsindustrie sein - jeden Tag aufs Neue.




