Aphex Twin
Aphex Twin
Aphex Twin ist der ideenreichste Produzent der elektronischen Musik.
Kurios in Cornwall
So eine Aussage gehört sich eigentlich nicht. Jemanden mit einem Superlativ zu charakterisieren, deutet auf unseriösen Journalismus hin. Im Fall von Richard D. James allerdings gibt es Belege für die superbe Ideenvielfalt, die Fähigkeit, die eigene Fantasie so anzuzapfen, als läge kein filterndes Bewusstsein zwischen ihr und dem musikalischen Werk. Richard D. James, der meist zum Pseudonym Aphex Twin greift, hat sie in Form kaum mehr zählbarer Tracks in die Welt entlassen. Teilweise in Gestalt minimalistischer Ambient-Etüden, teilweise als Hardcore Drill Breakbeats (sie klingen wie Bohrmaschinen auf Ecstasy), und zu einem großen Teil irgendwo zwischen diesen Polen. Aufgewachsen ist Richard D. James in einer Bergbau-Arbeiterfamilie. Cornwall, der Südzipfel Englands, hat nicht viel zu bieten an Clubleben, für Kinder aber, so James, sei es ein Paradies. Zum aufkommenden Acid House Ende der 80er Jahre beginnen denn auch der 1971 geborene James und seine Freunde, eigene Partys zu veranstalten. Zu Beginn der 90er Jahre zieht er nach London, und mit seinem ersten Geld baut er eine ehemalige Bank um. In den Vorgarten stellt er sich ein Panzerfahrzeug, weil ihm dessen Design so gut gefällt. Cornwall, dem Surfresort Englands, hat James in Titeln wie Surfin' On Sinewaves (Surfen auf Sinuswellen) längst seinen Respekt bekundet, wenn man zum Zeitpunkt des Erscheinens auch das Wortspiel nicht zu erkennen vermochte.
Denn als das Album 1993 als erste große Veröffentlichung auf Warp Records erscheint, gilt James längst als neues musikalisches Wunderkind. Erarbeitet hat er sich diesen Ruf mit zunächst harten, auch Club-tauglichen Soundexperimenten wie seinem "Didgeridoo" aus dem Jahr 1992. Oder auch seinen Selected Ambient Works aus den Jahren 1985-1992, die ebenfalls 1992 erscheinen. Auf dem ersten Aphex Twin-Album gelingt es James, seine Maschinen klingen zu lassen, als haben sie eine Seele. Vielleicht ist es das, was die Kritik zu Vergleichen mit Mozart anregt, auch der Name Satie fällt gerne im Zusammenhang mit Aphex Twin. Von Karlheinz Stockhausen werden seine Tracks als zu eintönig kritisiert. Richard D. James kontert mit einer Ästhetik der Wiederholung, wie sie unter anderem von Cage vorgebracht worden ist.
Die Zukunft liegt im Bild
Die Ohren der elektronischen Musikszene richten sich 1993 nach seinem Vertrag mit Warp Records auf ihn; mit dem neuen Pseudonym Polygon Window kann James einen Hype um Aphex Twin zunächst vereiteln. Doch bleibt Startum nicht lange aus. Als im November 1993 die Single On erscheint, noch nicht einmal eines seiner ganz besonderen Stücke, rückt er damit in die Hitparaden ein. Schuld ist ein trickreiches Video, das Regisseur Chris Cunningham für James montiert hat. Eine lange Zusammenarbeit der beiden Ton- und Bild-Fantasten beginnt. Während James auf seinem eigenen Rephlex-Label die Szene mit Jungle, Breakbeats und spinnerten Ideen beliefert, möchte er von nun an die Charts mit guter Musik okkupieren. Wann immer es ihm seit On gelingt, spielen die Videos Cunninghams eine ebenso große Rolle wie die für seine Verhältnisse poppigen Tracks: Donkey Rhubarb (1995), Come To Daddy (1997) oder Windowlicker (1999). Die Zukunft des Aphex Twin liegt ebenso in den Bildern: für die Cunningham-DVD Rubber Johnny hat er die Musik verfasst, und Warp Records hat bereits einen eigenen Film von Richard D. James angekündigt.




