Start | Genres  | World | Klezmer

GENRES

Klezmer
Hochzeitsmusik und politische Streitfrage

 

Nicht mehr nur jüdische Folklore mit Klarinette: Klezmer

Eng konturiert ist Klezmer die Folklore jiddischsprachiger Juden Osteuropas. Seit den Siebziger Jahren erlebt Klezmer ein Revival in den USA mit Gruppen wie Brave Old World oder den Klezmatics. Und in Deutschland, wo ein Giora Feidman inzwischen zu repräsentativen Staats-Feierlichkeiten spielt, wird seit den Neunzigern auffällig viel Klezmer gespielt. Es bleibt gerade in diesem Land nicht unkritisiert, wenn sich auch nicht-jüdische Gruppen wie Di Grine Kuzine dieser musikalischen Sprache bedienen.

Violine und Klarinette, das sind die beiden Hauptinstrumente des ursprünglichen Klezmer. Der Begriff selbst ist ein hebräisches Wort für Musiker. Klezmer entstand im Laufe des Mittelalters als Volksmusik der Juden in Osteuropa. Dass sie als Synonym für heitere Musik fungiert, das kommt von den Anlässen, zu denen Klezmer traditionell gespielt wurde und bis heute auch wird: zu Hochzeiten, Geburtstagen und anderen Familien- und Gemeinschaftsfeiern wurden die Klezmorim, die Musiker bestellt.

Durch die Lebensumgebung der osteuropäischen Juden klingen duch den Klezmer auch immer die vielfältigen Folklore-Musiken Osteuropas durch, etwa seit dem 19. Jahrhundert die Polka, der Csardas und der Walzer.

Gesungen wird Klezmer in der Sprache der Juden Deutschlands und Osteuropas: dem Jiddischen. Diese Sprache hat sich allmählich entwickelt, seit jüdische Einwanderer aus Spanien und Frankreich im 10. Jahrhundert in Mittel- und Osteuropa ankamen. Obwohl durch den Holocaust unter der nationalsozialistischen Diktatur über 6 Millionen Juden ermordet wurden, wird diese Sprache auch heute noch von 5 bis 6 Millonen Juden in Europa, Nordamerika und Israel zumindest als Zweitsprache beherrscht.

Bei Ankunft: Neu-Interpretation

Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einer großen Auswanderungswelle osteuropäischer Juden in Richtung Nordamerika. Mit ihnen kam Klezmer in der neuen Welt an, um sich abermals mit weiteren Musikstilen zu vermengen. Ein Beispiel für diesen Prozess ist der Song Bei mir bist du schön, mit dem die Andrew Sisters 1938 einen Hit in den Vereinigten Staaten landen konnten. Als Klezmer-Traditional wurde er von den jüdischen Emigranten mitgebracht und fand musikalisch elaborierte Interpreten wie Dave Tarras, einem Russen, der 1921 vor den Verfolgungen von Juden in seinem Land geflohen war. Tarras oder das Epstein Brothers Orchestra gehörten zu den Klezmer-Musikern, deren Klarinetten-Spiel auch die großen Swing-Orchester der USA beeinflussen konnte.

Revivals in USA und Europa

Zu einer Wiederbelebung der Klezmer-Musik in größerem Stil kam es in den USA im Laufe der 70er Jahre. The Klezmorim aus dem kalifornischen Berkeley sorgten mit ihrem Album "East Side Wedding" im Jahr 1977 für ein neues Interesse am traditionellen, rituellen Klezmer. Die New Yorker Klezmatics beschäftigten sich gut zehn Jahre später auf Shvaygn - Toyt ebenso mit dem tradierten Klezmer, luden die Musik jedoch neu auf, indem sie über aktuelle politische Fragen sangen. Zu Beginn der Neunziger Jahre differenzierte sich besonders in New York die Klezmer-"Szene" noch einmal, als der Freestyle-Saxofonist und Komponist John Zorn den Zusammenschluss "Radical Jewish Music" ins Leben rief. Mit Projekten wie Klezmer Madness sollte Klezmer als eine jüdische Musik den zeitgemäßen Produktionstechniken - wie in dieser Zeit etwa dem Sampling - angepasst werden. Weitere jüdische Musiker wie der Gitarrist Elliott Sharp distanzierten sich wiederum ganz von der Idee einer "jüdischen Musik", um den Fallen künstlicher Konstruktionen von "Ethnien" zu entkommen.

Seit den Neunziger Jahren erlebt auch Europa die Renaissance des Klezmer. Gerade in Deutschland bilden sich zahlreiche neue Bands, deren Mitglieder in vielen Fällen nicht dem Judentum angehören. Gruppen wie die Berliner Formation Di Grine Kuzine etwa: Sie spielen ihre stark Klezmer-beeinflusste Musik nicht etwa, um in Familien erlernte Traditionen weiter zu geben. Sie empfinden diese Musik einfach als schön, wie andere eben Thrash Metal oder Mozart-Opern bevorzugen. Schließlich ist Klezmer wieder eine so beliebte wie etablierte Musik. Viel dafür getan hat der israelische Klarinettist Giora Feidman, der in Deutschland seit den 80er Jahren Klezmer-Workshops leitete und Konzerte gab und mittlerweile auch schon im Bundestag gespielt hat. Dennoch wird natürlich diskutiert in einem Land, das für die Ermordung von mindestens sechs Millionen Juden verantwortlich ist. Darüber, ob Klezmer eine jüdische Angelegenheit sei: Die in Deutschland lebende Colalaila-Klarinettistin Irith Gabriely zum Beispiel kritisiert die "Mode Klezmer" und fordert, die Musik dürfe nicht von ihrer religiösen Tradition getrennt werden.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Frank London, David Tarras, Klezmer Conservatory Band, Andy Statman, Schnaftl Ufftschik, The New Orleans Klezmer Allstars

Einige Schlüsselalben dieses Genres:

The Klezmorim: East Side Wedding [1977]
The Klezmatics: Shvaygn - Toyt [1988]
Giora Feidman: The Magic Of The Klezmer [1990]
New Klezmer Trio: Melt Zonk Rewire [1995]
Joel Rubin/ Epstein Brothers: Jewish American Wedding Music [1996]
V.A.: Rough Guide To Klezmer [2001]
Di Grine Kuzine: Funky Pukanky [2003]
Oi Va Voi: Laughter Through Tears [2003]