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Kunstlied
Es singt das lyrische Ich

 

Das Kunstlied des 19. Jahrhunderts

Mit dem Aufkommen des Bürgertums wendet sich die Musik des 19. Jahrhunderts dem Ausdruck des Subjekts zu. Durch die Kompositionen von Schubert, Robert Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy wird das Kunstlied zu einer typischen Kunstform des Jahrhunderts der Bürger: Ich-bezogene Texte von Dichtern wie Eichendorff oder Mörike werden von einer Solo-Stimme vorgetragen; der subjektive Ausdruck derer Lyrik abermals gesteigert.

Das Lied ist ein zum musikalischen Vortragen geschriebener Text. Es kennt mittlerweile für jede Situation des Alltags eine untergeordnete Spezies: Arbeitslieder wie etwa das Shanty erleichtern körperliche Routinen, Gesellschaftslieder begleiten beliebte Freizeiteinsätze wie Busfahrten (siehe Mundorgel), Trinken und andersartigen Drogenkonsum. Von diesen Liedformen unterscheidet sich das Kunstlied, da es für eine Konzertsituation geschrieben wird. Und da es geschrieben wird, unterscheidet es sich auch vom mündlich überlieferten Volkslied.

Es singt das lyrische Ich, so ist das Kunstlied auf einen - nicht angemessenen, aber wenigstens knappen - Nenner zu bringen. In einer Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen verändert sich die Kunst. Und im 19. Jahrhundert, nach der Unabhängigkeitserklärung der USA (1776) mit ihren demokratischen Grundwerten, der Revolution in Frankreich von 1789 bildet sich in Europa wie in den USA das Bürgertum als Träger der neuen wirtschaftlich-gesellschaftlichen Epoche, des Kapitalismus. Die Idee des freien Bürgers wird in Philosophie und Kunst begleitet von der Forderung des von Zwängen der Religion und absoluter Herrschaft losgelösten Subjekts. Das Kunstlied verdoppelt sogar dieses Ideal der Kunst des 19. Jahrhunderts, insbesondere der Kunst der Romantik. Vertont es doch zumeist subjektive, oft in der ersten Person Singular erzählende Texte von Dichtern wie Wilhelm Müller, Eichendorff oder Mörike ohnehin subjektiven Texte werden schließlich von einer Solostimme, meist in Begleitung eines Klavieres, vorgetragen.

Große Veränderungen

Franz Schubert gilt als der Hauptkomponist des deutschsprachigen Liedes. Als Sohn eines Volksschullehrers wurde Franz Peter Schubert 1797 in Wien geboren, wo er im Jahr 1828 an einer Typhuserkrankung starb. In seinem kurzen Leben hinterließ Schubert über 660 Lieder. Bereits im Alter von 17 Jahren ließ sich der Komponist von den Gedichten eines Goethe inspirireren und schrieb Lieder wie das Heidenröslein. Schon hier vermochte Schubert vorwegzunehmen, was er in Liederzyklen wie Die schöne Müllerin und Winterreise ausformte. Zur Lyrik Wilhelm Müllers, die sich besonders in der Winterreise ganz im Stile der sich ansagenden Romantik in Sound und Melodieführung der Musik angleicht, setzt Franz Schubert sich behutsam entfaltende Kompositionen. Sie leben von einer bis dahin nicht gehörten Expressivität der Singstimme, die das starke psychologische Motiv als Gestaltungsmittel in die Liedkunst einführt.

Somit gelingt es Franz Schubert, das Kunstlied in den Formenkanon der Musik einzuführen. Durch ihn angeregt, komponieren Mitte des 19. Jahrhunderts Robert Schumann, Felix Mendelssohn Bartholdy, Carl Loewe und Carl Maria von Weber eigene Liederzyklen. Schumann vertont etwa die Gedichte von Eichendorff, Adalbert von Chamisso und Heinrich Heine.

Um 1860 werden die ersten reinen Liederabende als Form gesellschaftlicher Unterhaltung gegeben. Ab etwa dieser Zeit vervielfältigen sich auch die Stile im Liedschaffen. So wagen Franz Liszt und Wagner den Aufbruch in die freie Deklamatorik, während sich Johannes Brahms hörbar am Volkslied orientiert. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich der Berliner Bariton-Sänger Dietrich Fischer-Dieskau (der "beste Liedersänger der Welt", so The Times) um eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit für das Kunstlied verdient gemacht.
(cb)

Europäische Meister dieses Genres sind:

Camille Saint-Saëns, Georges Bizet, Claude Debussy, Edvard Grieg, Modest Mussorgski, Aleksandr Borodin, Antonin Dvorák

Schlüsselalben dieses Genres sind:

Franz Schubert: Die schöne Müllerin [1823]
Franz Schubert: Winterreise [1827]
Felix Mendelssohn Bartholdy [1809-1847]: Lieder [unterschiedliche Entstehungszeit]
Franz Liszt [1811-1886]: 16 Lieder [unterschiedliche Entstehungszeit]
Robert Schumann: Liederkreis [1840]
Gustav Mahler: Lieder eines fahrenden Gesellen [1884-1885]
Hugo Wolf: Italienisches Liederbuch [1892-96]
Johannes Brahms: Vier ernste Gesänge [1896]