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Funk Punk
Akademiker-Pop kann kicken

 

Groove als Anti-Ding: Funk Punk

Nachdem Punk Rock Anfang der 80er Jahre als Geste durch ist, macht man sich besonders in New York und London an die Arbeit: Wie sind die Konventionen von Musikalität eigentlich noch zu brechen?, so lautet die Forschungsfrage. Bands wie Gang Of Four und Liquid Liquid, ESG und James White spielen daraufhin eine tanzbare Musik, die erst mal die konventionalisierte Schmiere des Funk in den Altöl-Container schmeisst. In den 2000er Jahren erlebt Funk Punk oder auch Disco Punk ein Comeback dank Output Recordings, The Rapture oder dem LCD Soundsystem.

Punk Disco, Mutant Disco, Punk Funk - diese Begriffe bezeichnen so ziemlich die gleichen Geschehnisse, die in den ersten Jahren des dritten Jahrtausends wieder aufflammen. Zum ersten Mal taucht die Idee, den Funk ganz im Sinne des Punk gegen sich selbst, also gegen seine Konventionen zu wenden, in den urbanen Zentren der englischsprachigen Welt Anfang der 80er Jahre auf. Die Kunststudenten-Szene in Downtown New York gibt dabei den Ton vor; Besucher aus Manchester und London begeistern sich schließlich für Institutionen wie den Mudd Club oder den Club 57. Statt versöhnlich klingt dieser Funk in dieser Disco nun unbarmherzig und maschinenhart. Im Zuge des Revivals der 2000er Jahre wird Punk Funk nochmals auffrisiert - mittels digitaler Produktionsmittel.

Dilletantismus als Chance

Aus dem Geist des Punk entsteht in New York um das Jahr 1979 eine neue Szene in New York. Doch Bands wie ESG, Liquid Liquid, James White oder die Bush Tetras haben kein Interesse am Rock'n'Roll. Sie begreifen "Punk" eher als Haltung denn als Musikstil: Ihnen geht es darum, die Musikstile ihrer Zeit in Einzelteile zu zerlegen. Das sind Funk, Disco und HipHop, Rock, Jazz und: Lärm. Sie treffen sich in Downtown New York, wo nicht zufällig auch eine neue Galerienszene entsteht. Denn viele der Musiker und Musikerinnen, Club-Betreibende und Label-Leute kommen von den Kunsthochschulen oder haben geisteswissenschaftliche Fächer studiert. Ähnlich wie ein Teil der Neuen Deutschen Welle begreifen sie Dilettantismus als Chance - musikalische Könnerschaft dagegen als Tod durch Ersticken.

New Order vermissen etwas

Nachdem sich die Live-Orte Mudd Club und Club 57 als Institutionen der Coolness etablieren, und zudem neue Tanzclubs wie das Funhouse und das Roxy diese neue Musik spielen, wird auch das England-nach-Punk auf diese wilde neue Mischung aufmerksam. Zumal jetzt zwar einige verschiedene, allerdings griffige Slogans kursieren: wegen der unberechenbaren Tanzbarkeit treffen es Punk Disco, Mutant Disco und Punk Funk ganz gut. Nach Punk haben sich auch auf der Insel schon einige Bands gegründet, auf die jene Bezeichnung auch ohne den New Yorker Hipness-Bonus passt: Gang Of Four spielen einen dürftig federnden Funk, dessen Songs noch von der gerade erste zurück liegenden Punk-Epoche künden. Doch von größeren Folgen für die weitere Pop-Geschichte ist der umgekehrte Erfahrungs-Export: New Order lassen sich in New York vom angesagten Arthur Baker produzieren. Als sie 1983 aus Manhattan zurück kehren, vermissen sie einen Club wie das Funhouse oder die Danceteria. Auch ihre Label-Kollegen A Certain Ratio haben ihre New York-Erfahrungen gesammelt - und tatsächlich öffnet wenig später Tony Wilson die Hacienda - gegen Ende der 80er Jahre einer der wichtigsten Acid House und Rave-Clubs weltweit.

In House und Techno geht Funk Punk schließlich auf. Ende der 90er Jahre dreht sich die Geschichte: als viele Produzenten zu in dieser Zeit House und Techno als ausgetretene Pfade empfinden, erinnern sie sich an jene Funken sprühende Funk-Mischung aus dem New York der frühen 80er. Und ein weltumspannendes Freigeist-Dance-Ding tritt in Kraft. Die Musik von LCD Soundsystem, The Rapture und !!! in New York verbindet schrille Disco-Produktion, Acid-Drum Machine-Einsatz und New Wave, und ähnliches trifft auf Munk in München, Kaos und Captain Comatose in Berlin und das Output-Label in London zu. Gegen Mitte der Nuller Jahre beginnt allerdings auch der Revival-Sound bereits, formelhaft zu klingen.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Mu, Radio 4, The Juan MacLean, The Congos, Tutto Matto, Blackstrobe, The Moving Units, Leroy Hanghofer

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Gang Of Four: Solid Gold [1981]
A Certain Ratio: I'd Like To See You Again [1983]
ESG: Come Away With ESG [1983]
Liquid Liquid: Liquid Liquid [1997]
The Bush Tetras: Boom In The Night [2000]
The Rapture: Echoes [2003]
V.A.: Output Recordings Channel 3 [2004]
LCD Soundsystem: LCD Soundsystem [2005]